Leseprobe

   Der hochgeschlossene Kragen der dunkelblauen Tunika, von einer Brosche aus Onyx zusammengehalten, schien mir jeglichen Atem zu rauben. Welch blöde Idee, gerade diese Tunika zu wählen. Einzig und allein meinem Vater zuliebe hatte ich sie angelegt, der sie mir zum Hundertzwanzigsten Jahr in Erinnerung meiner Geburt geschenkt hatte. Auch

wir kennen Geburtstage, nennen sie allerdings anders und feiern sie auch nicht. Hin und wieder bekommen wir sogar Geschenke, üblich ist es bei weitem nicht.

  Nichtsdestotrotz hatte sich die Unbequemlichkeit meiner Kleiderwahl bezahlt gemacht. Sobald ich den Speisesaal betreten hatte, hatte ich ein kurzes anerkennendes Leuchten in den Augen meines Vaters bemerkt, der mich mit einer einladenden Geste an seine rechte Seite bat. Freilich hätte ich viel lieber neben meiner Schwester zur Linken Platz genom- men, wäre da nicht bereits die Raumwanderin gesessen. Unwillig schritt ich die rechte Seite des Tisches ab, vorbei an Nedath, die neben meiner Schwägerin hockte. Nun musste ich mich mit dem Platz zwischen meinem Vater und Meddjn begnügen.

  Noch während ich mir ein Glas Wein einschenkte, der zum heutigen Anlass unver-

dünnt serviert wurde, traf mich der aufmerksame Blick meines Vaters. Die scharfen Augen waren wohlwollend auf mich gerichtet:

  „Ich sehe, du trägst mein Geschenk. Lange ist es her, dass ich es an dir bewundern durfte.“

  „Es gibt wenig Anlass, die Brosche zu tragen,“ rutschte es aus mir heraus. Um die unglückliche Wortwahl zu kaschieren, fügte ich hinzu:

  „Sie ist zu kostbar, und ich möchte sie in Ehren halten.“

  Erneut dieses wohlwollende Nicken. Offenbar hatte sich mein Vater für den heutigen Abend vorgenommen, mit mir Frieden zu schließen, wenn auch nur vorübergehend bis

zu unserem nächsten Streit.

  Da nun alle Plätze belegt waren, - eine wahrhaft illustre Runde, wie es nur allzu selten vorkam, - eröffnete mein Vater diesen Abend mit einer kurzen Rede und stellte hiermit offiziell die neue Raumwanderin vor. Obwohl schon lange her, erinnere ich mich noch

gut an die Eröffnungsrede meines Vaters bei der Ankunft von Mr. Dawson, die sich

kaum von der jetzigen Rede unterschieden hatte. Wie alle Gäste wartete ich auf das

Ende, anschließend hob ich mein Glas und prostete, wie alle übrigen Gäste ebenfalls,

der Raumwanderin zu. Insgeheim schmunzelte ich, sobald ich bemerkte, wie sie errötete.

Sicherlich würde dieser Abend so einige Überraschungen bereithalten. Gespannt wartete ich darauf, was Vivien auf ihre offizielle Anerkennung des Titels antworten würde. Die Antwort ließ ungewöhnlich lange auf sich warten. Hatte Fedath sie nicht auf die Abfolge der formellen Vorstellung hingewiesen? Erheitert bemerkte ich, wie sie Vivien sanft in

die Seite stieß. Die Verlegenheit in deren Augen war kaum zu übersehen. Sie wusste

nicht wohin mit ihren Händen, umklammerte krampfhaft den Stiel ihres Kelchs und

rang offensichtlich um die richtigen Worte. In ihrer Stimme lag ein nervöses Beben,

sobald sie die Stimme erhob:

  „Vielen Dank auch. Ich freue mich natürlich, so nett willkommen geheißen zu werden. Vor allem dem Herrn des Hauses,“ traf Fedath ein knapper, fragender Blick, die ihr leise etwas zuraunte.

  “Dem … Hedan, - und ahm, … seiner Familie, und all den anderen, die ich nicht kenne.“

Und von denen ich hoffe, sie auch nie kennenlernen zu müssen, fuhr sie in Gedanken aus.

Das war natürlich unverschämt. Ich verschluckte mich fast an dem Schluck Wein und musste an mich halten, sie nicht augenblicklich zurechtzuweisen. Ich bat den Schöpfer inständig, dass alle anderen Anwesenden am Tisch nichts von ihrem Gedanken mitbe-kommen hatten. Den verstörten, ratlosen Mienen nach zu urteilen, kam meine Bitte zu spät.

  „Ich freue mich, hier sein zu dürfen und sehe meinem Aufenthalt mit Spannung ent-

gegen.“

  Spannung? Gespannt war ich auch, nämlich wie man auf diese kurze Rede reagieren würde. Meister Arrad, der neben der Raumwanderin saß, nickte ihr freundlich zu und

ließ gleich darauf seinen abgeklärten Blick auf unmissverständliche Weise über die anwesenden Ratsmitglieder gleiten. Sobald seine Augen mich trafen, verstand ich.

Vivien wusste nichts über das Gedankenlesen und trug sich noch immer in der Hoffnung, dass dies nichts weiter als ein übler Scherz war, der ihr von ihrem Unterbewusstsein vorgegaukelt wurde. Auch mein Vater lenkte aufgrund Meister Arrads stumm vorgetrage- ner Bitte ein. In der ganzen Stadt war Meister Arrad derjenige, auf den selbst mein Vater hörte. Alter, Erfahrung und Weisheit werden bei uns mit großem Respekt behandelt.

  Ein wenig ungelenk erhob sich der alte Mann. Er zählte über sechshundert Jahre, und

so langsam machten ihm die müden Knochen zu schaffen. Seine langen, schlohweißen Haare bedeckten den dunkelgrünen, weit geschnittenen Ratsmantel, der über normale Kleidung getragen wurde. Alle Ratsmitglieder an unserem Tisch trugen diese Mäntel,

der sie als Unterstützung des Headan auswie-sen.

  „Miss Cullingham ist unser Gast,“ wies er uns Anwesenden unnötigerweise auf diese Tatsache hin, “ihre Ankunft ist erst wenige Tage her. Es wäre vermessen von uns zu erwarten, sie könne sich in dieser kurzen Zeit bereits an unser Leben, unsere Kultur

und unsere Andersartigkeit gewöhnt haben. Üben wir uns in Geduld und Nachsicht.

Die Absicht hinter ihrer Ankunft ist uns noch verborgen. Die Zeit wird weisen, welche Hilfeleistung sie uns anbieten kann.“

  Da Meister Arrad wie alle an diesem Tisch mehr oder weniger der englischen Sprache mächtig war, so würden die nachfolgenden Gespräche aus Respekt unseres Gastes gegenüber ausschließlich in ihrer Sprache abgehalten werden. Unfair war allerdings,

dass man sich immer noch in Lenja, in der Licht-Sprache, die in ganz Keshenja als Allgemeinsprache gilt, telepathisch austauschen konnte, ohne das die Raumwanderin etwas davon mitbekommen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

  • Facebook Social Icon

Die Chroniken von Aneth

Wer Fantasy mag, ist ein Träumender und Suchender zugleich.

Wir suchen eine andere Welt, besuchen sie, und träumen von anderen Wesen, von denen

wir einige gerne kennenlernen möchten.

Ein paar davon sind grob und brutal, andere überirdisch schön, und wieder andere

furchteinflößend. Es gibt mächtige Geschöpfe, einige gefährlich, andere widerum

kalt und unnahbar. Wir sind umgeben von Magie, seltsamen Orten und faszinieren-

den Kulturen.

Wir entfliehen dieser Welt, um zumindest für eine Weile in einer anderen Welt Zu-

schauer zu werden. Und vielleicht suchen wir dort ein Stück Vollkommenheit, die wir

hier nirgends finden.

Als hoffnungslose Romantikerin, Träumerin und Idealistin fing ich schließlich an, mir

meine eigene Welt zu erschaffen, in der ich gerne leben würde. Mit dem Debüt-Roman

'Die Raumwanderin' begann ich, und mittlerweile sind daraus 6 Bände entstanden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit den Chroniken von Áneth, die ich erst ab dem dritten Band 'Schattengeflüster' so nannte und nachdem ersichtlich wurde,

dass ein ganzer Erzählband daraus entstehen würde, kreierte ich eine eigene Welt, ähnlich der unseren, um dort humanoide

Lebewesen ansiedeln zu können. So gibt es dort Tiere und Pflanzen wie auf unserem Planeten, anderes wiederum existiert in

etwas abgewandelter Form.

In jedem Buch erzählt ein anderer seine Geschichte, die in sich als Story abgeschlossen sind. Aufgrund der hohen Lebensspanne

des 'Hellen Volkes' vergehen zwischen den Büchern allerdings oft 10-20 Jahre und setzen dann dort mit einer weiteren Geschichte

an.

Im Laufe der bisher geschriebenen 6 Bücher haben sich so einige Protagonisten etabliert, anderen weniger auffälligeren

Charakteren habe ich nur noch kleine Rollen gegeben. Ein wenig mystisch, rebellisch, abenteuerlich und unterhaltsam müs-

sen die Hauptprotagonisten schon sein, um mit ihnen durch ihre Geschichte zu spazieren.

Mit Noál zu schreiben (Die Raumwanderin & Noál - Der Freiheit entgegen) fiel mir von vorneherein leicht.

Meddjn, - seine Nichte, hingegen schon schwerer.

In Schattengeflüster erzählt der Diplomat und Krieger Malesh sein Abenteuer, den seit der Raumwanderin mit

Noál eine tiefe Freundschaft verbindet.

Das 4te Buch 'Nugruum-Im Bann dreier Welten' wird von dem Enedeth Narosh erzählt, der bereits im zweiten Buch Meddjn

sein kleines Debüt hatte.

Traumjäger sticht aus den Bänden hervor, indem ich dort 4 Protagonisten zu Wort kommen lasse, die es zweifellos wert

gewesen wären, ein ganzes, vollständiges Band mit ihnen zu schmücken, mir aber nach Nugruum irgendwie die Luft

ausging. Obendrein hatten sich mir so einige Fragen aufgedrängt, die mir in 'Traumjäger' Vhálish, Travnéel, Vivien und

Theráen beantworten mussten.

Áneth, der Zwergenplanet irgendwo in einer anderen Dimension oder Galaxy, besteht allerdings nicht nur aus Keshenja, und

so entstand 'Noál - Der Freiheit entgegen'. Obwohl Vhálish Entdeckungsfahrt, griff ich erneut zu Noál als Erzähler zurück, der

inzwischen im Laufe von Jahrzehnten so seine ganz eigene Art hat.

Auch wenn die bisherigen 6 Bücher eine Zeitlinie mit denselben (und mittlerweile zahlreichen) Protagonisten umfasst, so

bleiben die einzelnen Geschichten immer eigen und im individuellen Stil. Meines Erachtens sind nicht alle Geschichten

gleich gut geworden, aber damit hat wohl jeder Autor zu kämpfen, der mehrere Bücher geschrieben hat.

Ich selbst habe dabei so meine bisherige Favoriten-Liste und die deckt sich nicht mit der, die mein 21-jähriger Sohn hat, der

alle Bücher kennt und mir die jeweiligen Protagonisten vorgibt, mit denen ich ein Buch mal schreiben könnte.

Und so wird auch mein nächstes Buch eine einzige Herausforderung, der ich lieber aus männlicher Sicht heraus schreibe,

denn sein Vorschlag wäre Travnéels Cousine Llishán, die zukünftige Mehedanée, die bereits fleißig neue Fähigkeiten lernt.

Sehen wir mal, welche Story ich um sie herum kreieren kann, ohne schon wieder in eine Schlacht ziehen zu müssen. :)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Umbau !!!!
This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now